Rückblick Critical Mass #57

Cycling City Neustadt?

Nach Hambach mit dem Rad – das war die Herausforderung, der sich am Freitag die gut 50 Teilnehmenden der 57. „Critical Mass“ stellten. Kann das Fahrrad für Bewohner und Bewohnerinnen einer Stadt mit so vielen Steigungen wie Neustadt das Hauptverkehrsmittel sein?

In der Diskussion über ein klimafreundliches Verkehrskonzept der Zukunft ist das eines der Hauptargumente, die gegen die Dominanz des Fahrrads ins Feld geführt werden.

Und so arbeiteten sich die Teilnehmenden der Fahrraddemo am Krankenhaus und am Friedhof vorbei (nein, das soll kein Treppenwitz sein) über die Lincolnstraße durch die ersten Wingerte bis hinauf zur Hambacher Weinstraße. Eine der am wenigsten steilen Wegeführungen, so war zu hören, und tatsächlich kamen am Ende alle Teilnehmenden im Alter zwischen 12 und 72 Jahren oben an und rollten schließlich entspannt die ganze schöne Steigung wieder runter fast bis vor die Tür des Roxy-Kinos, wo die Veranstaltung ihren krönenden Abschluss fand.

„Cycling Cities“ hieß der Film, den sich im Anschluss an die Radtour fast alle Radler anschauten. Autor Ingwar Perowanowitsch berichtete darin von seiner Tour durch die fahrradfreundlichsten Städte Europas. Er startete in Freiburg nach Paris, das in den beiden Amtszeiten von Bürgermeisterin Anne Hidalgo 70.000 Parkplätze für 1000 km Fahrradwege geopfert hat.

Nächste Station war Gent. Hier kann man mit der City-Card kostenlos durch die City radeln – das ist auch nötig, denn die Innenstadt ist nahezu autofrei. In den Niederlanden, dem Land mit der am weitesten entwickelten Radinfrastruktur, porträtiert der Film gleich 3 Städte: In Amsterdam, wo fast die Hälfte der täglichen Wege mit dem Rad zurückgelegt werden, durchzieht ein gut ausgebautes separates Radwegenetz die ganze Stadt. In Utrecht mit dem weltweit größten Fahrradparkhaus für 12.500 Räder sind die Ampeln nach dem Prinzip „fietsers eerst“ geschaltet. Und Groningen, nicht weit von Leer, Ostfriesland, hat seine Innenstadt schon vor 50 Jahren nach dem Prinzip der gefilterten Durchlässigkeit neu angelegt. Seitdem kommen Autos nur über den Ring von einem Viertel in ein anderes. Das macht Autofahren innerhalb der Stadt unkomfortabel, und darum wählen die Groninger für Binnenfahrten auch lieber das Fahrrad.

Weitere Ziele des Filmautors Perowanowitsch waren Hamburg, dessen Senat den Radverkehrsanteil von 15 auf 25 steigern will (Neustadt hat laut Mobilitätskonzept 2030+ einen Radverkehrsanteil von 16%) und Kopenhagen, das die Radfahrenden über eigene Brücken über seine Kanäle führt, die längste davon ist mit 220 m die „Cycelslangen“.

Zurück zur Cycling City Neustadt. Sind die genannten Beispiele auf Neustadt mit seinen knapp 53.000 Einwohnern und seinen „Bergdörfern“ Haardt und Hambach übertragbar? Seit der Anteil der E-Bikes bei neu gekauften Rädern den von „Biobikes“ überholt hat, dürften die Steigungen eigentlich kein Argument mehr sein, wie ein Kinobesucher formulierte. Und ob sich eine Stadt zur Fahrradstadt mausert, liege nicht an ihrer Größe, sondern am Willen und der Durchsetzungskraft ihrer Stadtführung. Zumindest das haben alle Beispiele des Films gezeigt.